Die Medialität diplomatischer Kommunikation

Habsburgische Gesandte in Konstantinopel in der Mitte des 17. Jahrhunderts

Politik ist von der modernen Mediengesellschaft geprägt. Sie besteht nicht nur aus sachlicher Argumentation, sondern muss auch in den Medien inszeniert und ansprechend vermittelt werden. Diese mediale Prägung von Politik ist gegenwärtig intensiver denn je, in ihrem Kern jedoch nicht neu, denn sie beruht auf Kommunikation. Kommunikation wiederum beruht auf Medien.

Das Projekt untersucht die Kommunikation habsburgischer Diplomaten in Konstantinopel mit dem Kaiserhof in Wien. Das Wissen, das man in der Habsburgermonarchie und im Heiligen Römischen Reich über die Osmanen hatte, entstammte maßgeblich diesen Kontakten. Im Mittelpunkt stehen die beiden wichtigsten Medien: zum einen die von der Forschung bislang kaum beachteten Briefe der Gesandten, in denen diese über die politischen Verhandlungen, aber auch sehr detailliert über das Leben in der Stadt sowie die Kultur und Gesellschaft der Osmanen berichteten. Untersucht werden zum anderen Reiseberichte, die im Zug diplomatischer Missionen entstanden. Der Fokus liegt dabei auf einem 1650 geschriebenen Bericht, der im Zweiten Weltkrieg verloren ging und deshalb fast völlig unbekannt ist. Entdeckt wurde jedoch ein alter Mikrofilm, der mit Hilfe fototechnischer Verfahren so weit aufbereitet wurde, dass er nun gelesen werden kann.

Die Briefe der Diplomaten und ihre Reiseberichte werden aus medienwissenschaftlicher Perspektive analysiert und miteinander verglichen. Dabei gelangen modernste Methoden computergestützter Textanalyse zur Anwendung. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Medien jeweils auf spezifische Art und Weise Wirklichkeit konstruieren: das Fernsehen anders als Tageszeitungen oder das Radio, ebenso aber auch Briefe anders als Reiseberichte. Die Medien werden, zugespitzt formuliert, als „Akteure“ verstanden, die ihren eigenen Verhaltensmustern folgen. Auf diesen Vorüberlegungen beruht die dem Projekt zugrundliegende These, dass der Informations- und Wissenstransfer, der zwischen den Diplomaten und dem Kaiserhof stattfand, maßgeblich von den Medien geprägt war: Was die Menschen über die Osmanen wussten, war von den Regeln abhängig, denen die Medien unterlagen.

Das Projekt führt zu einem besseren Verständnis der Konstruktion des in (Mittel-)Europa vorhandenen Wissens über die Osmanen. Damit in Zusammenhang gewährt es Einblicke in die historischen Dimensionen von Transkulturalität und aktueller Problemlagen, wie den Umgang mit Fremdheit und das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen. Medien schreiben nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern gestalten auch die Geschichte. Die Ergebnisse des Projekts sind daher für das Verstehen der habsburgisch-osmanischen Beziehungen und der internationalen Politik im 17. Jahrhundert ganz allgemein von Bedeutung.


Pressemeldungen

„Computer enttarnen Diplomaten“ (Die Presse, Wissenschaft, 14.4.2018, Online, 13.4.2018)

„Die Zeitung kam aus Konstantinopel“ (Salzburger Nachrichten, Wissen, 21.4.2018)

„Wie Gesandtenbriefe das Türken-Stereotyp prägten“ (Österreich Journal, 174/2, 28-29, 2.5.2018)

Wie Gesandtenbriefe das Türken-Stereotyp prägten“ (Uni Salzburg, Apa Science, 4.4.2018)