Kaiserliche Gesandte in Konstantinopel

Die Medialität diplomatischer Korrespondenzen (17. Jahrhundert)

Zentrales Medium der diplomatischen Kommunikation war die Korrespondenz. Teilprojekt A beschäftigt sich mit den Briefen der drei kaiserlichen Residenten Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn (1629–1643), Alexander von Greiffenklau zu Vollrads (1643–1648) und Simon Reniger von Reningen (1649–1666), die sich Mitte des 17. Jahrhunderts in Konstantinopel aufhielten. Untersucht wird die Medialität der Korrespondenz, also die Regeln, denen ihre Produktion unterlag.

Einem akteurszentrierten Verständnis von Internationaler Politik folgend, werden Gesandte als denkende, fühlende und handelnde Individuen mit persönlichen Interessen verstanden, die in der Lage waren, über ihre Situation zu reflektieren, Entscheidungen zu treffen und diese in Handlungen umzusetzen. Die Personen der Verfasser (Biographie, Sozialisierung, Vernetzung) bilden gemeinsam mit dem Kontext (machtpolitische Rivalität zwischen Habsburgern und Osmanen, Gegensätze in der politischen Kultur, Transkulturalität etc.) den Ausgangspunkt der Analyse: Eine bestimmte Person schreibt zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort unter bestimmten Voraussetzungen an eine bestimmte andere Person einen Brief. Es werden jene medialen Faktoren analysiert, die den Informations- und Wissenstransfer zwischen Gesandten und Kaiserhof maßgeblich beeinflussten.

Dazu dienen folgende fünf Analysebereiche:

  1. Diskurstraditionen: Durch brief- und diplomatietheoretische Diskurse festgelegte Regeln beeinflussen Form und Inhalt der Korrespondenz.
  2. Interessen der Akteure: Der diplomatische Dienst war eine „Investition“, die sich auszahlen sollte. Durch Erfolgsgeschichten, Analysen und Appelle wird versucht, den Kaiser zu bestimmten Entscheidungen zu bewegen.
  3. Selbstoffenbarung: Obwohl sie sachlich und nüchtern berichten sollten, treten die Gesandten in ihren Briefen als Individuen in Erscheindung.
  4. Rezeption/Anschlusskommunikation: Auf Kommunikation folgt Anschlusskommunikation. Der Prozess, der vom Brief zum Gegenbrief führte, ist noch kaum erforscht.
  5. Transportbedingungen: Transportwege, Transportdauer und Sicherheitsaspekte (Chiffrierung) beeinflussen den Kommunikationsprozess.

Die rund 500 Briefe der drei Residenten werden ergänzt durch die Korrespondenzen kürzerer Gesandtschaftsmissionen, nämlich der Großbotschaft von Hermann Czernin zu Chudenitz (1644/45) sowie der Internuntiatur und der Großbotschaft der Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn (1649 bzw. 1650/51). Um diese große Datenmenge analysieren zu können, kommen digitale Methoden wie zum Beispiel Part of Speech Tagging und Topic Modelling zur Anwendung.

Christoph Würflinger, MA